Keine falsche Legendenbildung bitte !

Am Donnerstag, dem 20. August 2020 erschien in der Saarbrücker Zeitung (Lokalteil Neunkirchen, Seite C3) der nachfolgende Artikel, der dem Inhalt zufolge auf einer Pressemitteilung der SPD Ottweiler basiert. Darin behauptet der SPD-Vorsitzende Alexander Weiß, die CDU sei Auslöser der Schließung des Ottweiler Krankenhauses gewesen. Ich habe am gleichen Tag einen Leserbrief an die SZ-Redaktion in Neunkirchen abgesandt, welcher die von der SPD aufgestellten falschen Behauptungen richtig stellt. Dieser Leserbrief dient zugleich als Vorbeugung gegen eine falsche Legendenbildung, die durch die SPD Ottweiler hier ganz offen ersichtlich versucht wird.


Sollte Herr Weiß als noch recht junger Lokalpolitiker irgendwelche Karrierepläne verfolgen, so möge er sich die wahrheitsgemäße Wiedergabe von politischen Sachverhalten als persönliches Handlungsprinzip angewöhnen. Damit fährt man auf Dauer am besten.



Dieser Leserbrief, der am Dienstag, dem 25. August zusammen mit einer weiteren Leserzuschrift von Willi Wälder veröffentlicht wurde, ist nachfolgend wiedergegeben:




Marienhausklinik Ottweiler schließt früher


 

Bild: Hans Werner Büchel
SR · 29.04.2020 | 15:33 Uhr

Die Marienhausklinik Ottweiler wird bis Ende des Jahres mit dem Marienkrankenhaus St. Wendel zusammengelegt. Das teilt die Marienhaus-Gesellschaft in ihrem hauseigenen Magazin "Echo" mit. Darin heißt es, das dazugehörige Standort-Konzept habe der Träger bereits Ende März dem Gesundheitsministerium vorgelegt.
Die wichtigste Botschaft sei, so die Marienhaus GmbH, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde. Der Umzug, der eigentlich erst zum Ende des kommenden Jahres erfolgen sollte, sei durch die Umstände während der Corona-Krise beschleunigt worden.

Viele Abteilungen bereits verlegt

So sei die Marienhausklinik Ottweiler als Corona-Standort ausgewiesen worden und die Abteilungen Gefäßchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie bereits Ende März nach St. Wendel umgezogen. Bis Ende des Jahres sei es auch möglich, die Kardiologie nach St. Wendel zu verlegen. Hierfür müsse man noch Platz für das Herzkatheterlabor schaffen.

Der coronabedingte Umzug der Marienhausklinik nach St. Wendel war bereits von der CDU kritisiert worden, weil man befürchtete, dass die Marienhaus GmbH das nutzen würden, um den Standort Ottweiler früher zu schließen. Man warf dem Träger vor, den Umzug so auch noch kostengünstig über das THW abzuwickeln.

Über dieses Thema berichteten die SR-Hörfunknachrichten am 29.04.2020.

 

Am Freitag, dem 27. März 2020 erfolgte die Verlegung der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie der Klinik für Gefäßchirurgie aus dem Ottweiler Krankenhaus in das Marienkrankenhaus nach St. Wendel. 


Wenige Tage zuvor war bekannt gemacht worden, dass die Ottweiler Klinik als sog. Corona-Klinik" für mit Sars-CoV-2 infizierte Menschen vorbereitet werde.


Weder die Bevölkerung, noch die politische Verantwortlichen der Stadt Ottweiler und auch nicht das im Ottweiler Krankenhaus arbeitende Personal wurden vorher über diese Maßnahme informiert. Den Medien ließ Marienhaus die Information zukommen, die Verlegung stehe im Zusammenhang mit der Einrichtung des Ottweiler Hauses als Corona-Klinik.


Träger des Hauses ist die Marienhaus Unternehmensgruppe mit Sitz in Waldbreitbach, die von der Marienhaus Holding GmbH integriert und gesteuert wird. Geschäftsführer der Marienhaus Holding GmbH sind Schwester Marianne Meyer, Dr. Günter Merschbächer und Dr. rer. pol. Heinz-Jürgen Scheid. Generalbevollmächtigter der Holding und Leiter der Sparte Kliniken ist seit Anfang 2019 Dr. Thomas Wolfram.



Das Vorgehen des Krankenhausträgers hat den CDU Ortsverband Ottweiler zu nachfolgendem OFFENEN BRIEF an die Geschäftsführung der Marienhaus Holding GmbH veranlasst. (Zum Vergrößern bitte ins Bild klicken)



CDU Ottweiler hält Kurzarbeit bei Marienhaus für nicht zulässig

Belegschaften in Ottweiler und St. Wendel dürfen nicht noch weiter verunsichert werden

Ottweiler, 26. April 2020. Die Marienhaus Unternehmensgruppe hat wegen der Corona-Krise für ihre 24 Kliniken Kurzarbeitergeld beantragt (Saarbrücker Zeitung vom 14. April 2020). Davon betroffen sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Marienhausklinik Ottweiler und im Marienkrankenhaus St. Wendel. Gleichzeitig erhält Marienhaus, wie alle anderen Kliniken auch, für jedes wegen der Corona-Pandemie leerstehende Bett 560 Euro pro Tag aus dem Rettungsschirm des Bundes.


Derzeit Corona Klinik: Das Ottweiler Krankenhaus in der Hohlstraße

Der CDU Ortsverband Ottweiler weist darauf hin, dass bei Inanspruchnahme dieses Rettungsschirms die Zahlung von Kurzarbeitergeld ausgeschlossen ist. Die dafür zuständige Bundesagentur für Arbeit hat eine Anweisung erlassen, wonach Arztpraxen und Kliniken, die vom Rettungsschirm profitieren, nicht gleichzeitig Kurzarbeitergeld beantragen können. Wie die CDU Ottweiler vom Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel, dem Vorsitzenden des in dieser Sache zuständigen Bundestags-Gesundheitsausschusses, erfahren hat, handelt es sich um eine sogenannte fachliche Weisung der Bundesagentur, die verhindert, dass Kliniken ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken können, wenn sie gleichzeitig Mittel aus dem Krankenhausentlastungsgesetz bekommen. Der Rettungsschirm des Bundes fungiere hier als eine Art Betriebsausfallversicherung. Auch Erwin Rüddel, dessen Wahlkreises Neuwied auch den Sitz der Marienhaus Unternehmensgruppe in Waldbreitbach umfasst, ist von Marienhaus persönlich enttäuscht. Den Kurzarbeitsgeldantrag bezeichnete er wörtlich „um es klar zu sagen, als unanständig.“ 


Die Kritik der Marienhausmanager an der angeblich nicht ausreichenden Höhe der Ausgleichszahlungen von 560 Euro pro Bett und Tag hält die CDU Ottweiler für unbegründet. Gerade kleinere Kliniken bekommen jetzt in der Corona-Krise mehr Geld für ein vakantes Bett, als wenn es belegt wäre. Es kann nicht sein, dass sich die Marienhausgruppe als Krankenhausträger in der Corona-Krise auf dreiste Art und auf Kosten der Beitrags- und Steuerzahler saniert. Nach Auffassung der CDU Ottweiler wirkt sich Kurzarbeit zudem in hohem Maße demotivierend auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ottweiler und St. Wendel aus, die derzeit ohnehin schwer genug belastet sind. Ende März hatte die Marienhausgruppe in einer für alle vollkommen überraschenden Aktion zwei komplette Klinikabteilungen aus dem Ottweiler Krankenhaus ins Marienkrankenhaus nach St. Wendel verlegt. Diese plötzliche Verlegung wurde mit der Bereitstellung des Ottweiler Hauses als Corona-Klinik begründet und mit großem Aufwand von Einsatzkräften der Feuerwehr und des THW durchgeführt, mithin ein für den Klinikträger „kostengünstiger“ Umzug. Seither verweigert die Marienhausgruppe jede klare Aussage zur Zukunft der Ottweiler Klinik. Auch die Fragen, die der CDU Ortsverband in einem offenen Brief an die Geschäftsführer der Marienhaus Holding gerichtet hatte, blieben bislang unbeantwortet. (hwb)

"Wir alle wurden getäuscht!"

"Wir alle wurden getäuscht!" Eine bittere, aber wahre Feststellung des Fraktionsvorsitzenden der CDU im Ottweiler Stadtrat, nachdem bekannt wurde, das der christliche Marienhaus-Konzern seine Klinik in Ottweiler schließen wird.


Die Marienhausklinik in Ottweiler (Bild: Rolf Ruppenthal, Wadgassen)


Auf dieser Seite werde ich den Versuch unternehmen, begreifbar zu machen, weshalb es so weit kommen konnte. Dabei bleiben Faktentreue und  Sachlichkeit Pflicht, wenngleich ich nach allem, was in den letzten Wochen geschah, innerlich sehr aufgewühlt und tief betroffen bin.


Hans Werner Büchel

Vorbemerkung

Kurz vor der Coronakrise wurden aufgrund der sich binnen einer Woche überschlagenden Meldungen zur Situation der saarländischen Kranken-hauslandschaft im Allgemeinen und zur Zukunft der Marienhausklinik Ottweiler im Besonderen die beiden bei Marienhaus zuständigen Hauptverantwortlichen von der Landesregierung dringend gebeten, im Gesundheitsausschuss des Saar-Landtages Rede und Antwort zu stehen. Wie zuvor bereits in einer Pressemitteilung, erklärte Geschäftsführer Dr. Scheid erneut die Bundespolitik zum Haupt-schuldigen für die in Ottweiler bevorstehende Krankenhausschließung. Die von Berlin geschaffenen Rahmenbedingungen ließen der Marienhaus Unternehmensgruppe praktisch gar keine andere Wahl. 


Dass Dr. Scheid hier nur die Hälfte der Wahrheit vortrug, kann nicht verwundern, denn für die andere Hälfte ist er selbst verantwortlich. Die Fakten, die dieser zweiten Hälfte der Wahrheit zugrunde liegen, wurden von ihm selbst maßgeblich mit geschaffen. Diese Fakten klar aufzuzeigen, ist Sinn und Zweck der nachfolgenden Abhandlung.

Der Marienhauskonzern

Wer ein einigermaßen klares Bild von der Struktur des Marienhaus-konzerns gewinnen will, muss eine aufwändige und zeitintensive Recherchearbeit in Kauf nehmen. Mit Fokus auf den Bereich Kliniken habe ich versucht, aus den offiziell zugänglichen Quellen, die sehr spärlich und wenig aussagekräftig sind, sowie der privat vorhandenen Literatur, einen allgemein verständlichen Überblick abzubilden.


Die Einrichtungen von Marienhaus stellen sich nach Angaben der Unternehmensgruppe wie folgt dar:


  • 14 Krankenhäuser (an 24 Standorten)
  • 20 Alten- und Pflegeheime
  • 3 Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen
  • 10 stationäre und ambulante Hospize
  • 7 Bildungseinrichtungen und
  • 4 weitere Einrichtungen

Sie liegen in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland. In der Trägerschaft von Marienhaus arbeiten insgesamt etwa 13.800 Menschen. (Stand der Angaben: April 2020)



Die Marienhauszentrale hat ihren Sitz in unmittelbarer Nachbarschaft des Ordens der Waldbreitbacher Franziskanerinnen in der Margaretha-Flesch-Straße auf dem Klosterberg von Waldbreitbach.

Bereits Vergangenheit: Die Marienhaus GmbH

Der Marienhauskonzern trug bis zum Jahre 2011 den Namen Marienhaus GmbH mit Sitz in Waldbreitbach. Auf dem dortigen, etwa 15 km nordwestlich von Neuwied gelegenen Kapellenberg (dem heutigen Klosterberg) hatte die 1826 in Schönstatt/Vallendar geborene Rosa Margaretha Flesch im Jahre 1857 einen Acker gekauft, vier Jahre später ein erstes Haus errichten lassen und schließlich im Jahre 1863 den Orden der Waldbreitbacher Franziskanerinnen gegründet. Dies war die Keimzelle von Marienhaus. Von diesem Mutterhaus ausgehend erfolgten unter der Leitung der „kleinen Ordensfrau mit großer spirituellen Wirkkraft“ (Hans-Joachim Kracht) innerhalb weniger Jahrzehnte Dutzende von Filialgründungen. Bei ihrem Tod im Jahre 1906 waren es 67 Filialen, darunter auch das am 19. Januar 1872 gegründete Marienkrankenhaus in St. Wendel. 


Nicht weit von Waldbreitbach entfernt ereigneten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei weitere sozial motivierte Gründungen, die geradezu typisch für die Zeit der immer stärker um sich greifenden Industrialisierung waren: in Neuwied gründete 1864 Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit dem ersten Spar- und Darlehenskassenverein das ländliche Genossenschaftswesen und im Westerwälder Dernbach hatte sich bereits 1857 mit Maria Katharina Kasper eine andere Ordensgründerin auf den Weg gemacht, um sich mit den "Armen Dienstmägden Jesu Christi" der wachsenden Not der verarmten Landbevölkerung und vor allem deren Kinder entgegenzustellen. Schwestern dieses Ordens bezogen 1902 das St. Josefs Kloster in der Ottweiler Herrengartenstraße, arbeiteten von dieser Filiale aus in der ambulanten Krankenpflege und legten zugleich den Grundstein für den ersten Kindergarten in diesem Haus (heute KiTa Clara Fey).



Die Lage von Waldbreitbach im Wiedtal, Dernbach im Westerwald und Neuwied am Rhein und ein Blick auf das Kloster Marienhaus, heute Sitz des Ordens und der Konzernleitung von Marienhaus.

(Foto: H. W. Büchel · 2017)


GmbH seit dem Jahre 1903


Seit dem Jahre 1903 firmierte die Ordensgemeinschaft der Waldbreit-bacher Franziskanerinnen in der Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, als Marienhaus GmbH. Gesellschaftszweck war die „Errichtung und Verwaltung von Kranken- und sonstigen Wohltätigkeitsanstalten und Nutzbarmachung der denselben zugehörigen Immobilien, um diesen Zweck erreichen zu können“. Erst mehr als 100 Jahre später kam es zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung des Marienhauskonzerns, der mittlerweile zu einem der größten christlichen Träger von sozialen Einrichtungen, vor allem von Kliniken, in Deutschland geworden war. Über die zu jener Zeit amtierende Generaloberin des Ordens ist das Bonmot überliefert, sie sei „hinter Angela Merkel die zweitmächtigste Frau Deutschlands“, was auch als Ausdruck für die maßgebende Gestaltungskraft von Marienhaus im Gesundheitswesen verstanden werden kann.

Stiftung · Unternehmensgruppe · Holding

Die Stiftung

Im Jahre 2011 kam es zur Gründung der Marienhaus Stiftung, mit der die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der Marienhaus Unternehmensgruppe unabhängig von der Entwicklung des Ordens gesichert werden sollte. Als rechtsfähige kirchliche Stiftung des bürgerlichen Rechts (im Sinne von § 3 Abs. 6 und § 12 des Landesstiftungsgesetzes Rheinland-Pfalz) verfolgte diese zunächst in Neuwied ansässige Stiftung einen einzigen Zweck: die Förderung der Werke der christlichen Nächstenliebe. In der Stiftungssatzung heißt es dazu: „Dies geschieht durch die Beschaffung von Mitteln zur Verwirklichung steuerbegünstigter Zwecke durch eine andere steuerbegünstigte Körperschaft oder die Verwirklichung steuerbegünstigter Zwecke durch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts.“

Erreicht werden sollte dieser Zweck jeweils durch Förderung und Unterstützung


  • der Wohlfahrtspflege,
  • des öffentlichen Gesundheitswesens, insbesondere der Krankenhilfe,
  • der Alten- und Behindertenhilfe sowie der sozialen und beruflichen Rehabilitation, 
  • der Kinder- und Jugendhilfe, 
  • der Lehre und Forschung, Bildung und Erziehung und 
  • der Ordensgemeinschaft der Waldbreitbacher Franziskanerinnen sowie der ihr angehörigen Schwestern in gesunden, kranken und alten Tagen.

2018 verlegte die Marienhausstiftung ihren Sitz von Neuwied nach Waldbreitbach, so dass sie nun auf dem Klosterberg in unmittelbarer Nachbarschaft der Marienhaus Unternehmensgruppe und der Marienhaus Holding GmbH agieren konnte. Vorstand und Kuratorium der Marienhausstiftung sind auf den nachfolgenden Bildschirmfotos dargestellt, die Ausschnitte der Marienhaus Website vom 17. April 2020 zeigen.

Vorstandsvorsitzender der Stiftung ist Dr. rer. pol. Heinz-Jürgen Scheid, seine Stellvertreterin ist Schwester Marianne Meyer FBMVA. Die weiteren Vorstandsmitglieder sind Schwester M. Scholastika Theissen FBMVA, Dr. jur. Hans Wendtner und Lic. theol. Maria Aurelia Heine.

Unternehmensgruppe und Holding

Gemeinsam mit der Stiftung kam es im Jahre 2011 zur Errichtung der Marienhaus Unternehmensgruppe, für deren Integration und Steuerung die Marienhaus Holding GmbH geschaffen wurde. Mehrheitsgesellschafterin dieser Holding wurde die Marienhaus Stiftung (hält heute 94% der Anteile). Die Holding wiederum wurde Gesellschafterin der drei rechtlich selbstständigen Sparten innerhalb der Marienhaus Unternehmensgruppe:


  • der Marienhaus Kliniken GmbH, 
  • der Marienhaus Senioreneinrichtungen GmbH sowie 
  • der Marienhaus Dienstleistungen GmbH.

Die Sparten Bildung (Marienhaus Bildung) und Hospize (Marienhaus Hospize) werden bis heute unmittelbar über die Geschäftsführung der Marienhaus Holding GmbH geführt.


Geschäftsführer der Marienhaus Holding GmbH sind Schwester Marianne Meyer, Dr. Günter Merschbächer und Dr. rer. pol. Heinz-Jürgen Scheid. Vorsitzender des sechsköpfigen Aufsichtsrates ist WP/StB Hansgünter Oberrecht.

"Fit for Future" - Das Restrukturierungsprogramm der Marienhaus Unternehmensgruppe

Es gibt bereits seit mehreren Jahren genaue Vorstellungen bei Marienhaus, wie die Zukunft des Gesundheitskonzerns in weniger als zehn Jahren aussehen soll. Und es gibt auch konkrete Aktivitäten zum Erreichen dieser selbst definierten Ziele. Diese umfassende Restrukturierung soll bis 2028 abgeschlossen sein, weil man dann, ausgehend von der GmbH-Gründung im Jahre 1903, das 125-jährige Jubiläum der Marienhausgruppe begehen will. Ob es dann auch etwas zu feiern gibt, bleibt abzuwarten.


Das Programm wird auch Auswirkungen auf die Anzahl der Krankenhausstandorte haben. Die folgende Karte bildet die Standorte der Marienhaus-Kliniken im Frühjahr 2020 ab.



Für einige der hier zu sehenden Standorte ist die Schließung bereits absehbar oder sogar schon feststehend.


Das Programm der Marienhausgruppe erhielt den klangvollen Namen "Fit for Future" und startete zum 1. Januar 2019. Zum selben Zeitpunkt nahm Marienhaus den Gesundheitsökonomen und früheren Chef des Asklepios-Klinikkonzerns Dr. Thomas Wolfram unter Vertrag. Als Generalbevollmächtigtem der Marienhaus Holding GmbH wurde ihm die Prokura und die Leitung der Sparte Kliniken übertragen.

Dr. Wolfram ist gelernter Chirurg und Unfallchirurg. Vor wenigen Jahren hatte er den „Master of Business Administration“ (MBA) in Gesundheitsökonomie erworben. Seither ist er nicht mehr als Arzt, sondern ausschließlich als Gesundheitsmanager tätig.



Aus den Presseveröffentlichungen der Marienhaus Geschäftsleitung erschließt sich, was die Mitarbeiter in den Krankenhäusern und die Bevölkerung vor Ort von "Fit for Future" zu erwarten haben.


So nennt Dr. Scheid als Hauptziel von "Fit for Future" die Steigerung der Ertragskraft und meint wörtlich: "die unbefriedigende Ertragslage kann man beim besten Willen nicht nur mit den verschärften Rahmenbedingungen im Gesundheits- und Sozialbereich erklären." Die Erlöse aus dem laufenden Betrieb der Krankenhäuser machten 80 Prozent des Umsatzes aus. Es gelte nun, im operativen Bereich bessere Ergebnisse zu erzielen, damit das Unternehmen über Mittel für Investitionen verfügen könne. 


Als wesentliche Inhalte des Sanierungskonzeptes benennt er


  • die Zentralisierung des Einkaufs,
  • ein verbessertes Management bei der Verweildauer von Patienten,
  • kürzere Entscheidungswege,
  • mehr Verantwortung für die kaufmännischen Direktoren und
  • den Abbau von Doppelstrukturen.


Auch für den neuen Chef der Kliniksparte Dr. Wolfram steht das Erwirtschaften von Überschüssen an vorderer Stelle. Auf die Frage eines Journalisten, wie hoch der Gewinn sein müsse, antwortete er: "Das Ergebnis vor Abschreibungen, Steuern und Zinsen (Ebitda) muss zwischen 6 und 8 Prozent liegen. Unterm Strich bleiben so vielleicht maximal 3 bis 5 Prozent übrig." (Interview in "Rheinland Pfalz extra" vom 7. Juni 2019)


Wenngleich sich die beiden Hauptverantwortlichen Scheid und Wolfram in Einklang mit den Intentionen der Ordensgründerin Rosa Flesch und der Tradition von Marienhaus sehen, so ist ihr unternehmerisches Handeln im Tagesgeschäft genau den Managementmethoden unterworfen, die auch in jedem Industriekonzern gelten. Ein sichtbarer Beleg dafür ist die Unterstellung der Chefärzte unter die kaufmännischen Direktoren, während sie früher den Geschäftsführern unterstanden.


Bei den Themen Personalabbau und Schließungen von Abteilungen sind die beiden Manager von Marienhaus überraschend offen. Sowohl betriebsbedingte Kündigungen wie auch das Schließen von Abteilungen schließen sie grundsätzlich nicht aus. Auf die Frage in einem Interview vor knapp einem Jahr, ob er betriebsbedingte Kündigungen aus-schließen könnte, antwortet Dr. Scheid: "Das kann ich mit Blick auf die Verantwortung für das Gesamtunternehmen nicht ausschließen." Und Dr. Wolfram antwortete auf die gleiche Frage: "... Daher kann es sein, dass wir im Zuge der Zentralisierung der Verwaltung Arbeitsplätze abbauen müssen. Ich kann nicht 14 000 Arbeitsplätze gefährden, weil ich nicht den Mut habe, mich über eine niedrige Zahl von Kündigungen zu unterhalten."

(Rheinland Pfalz extra, Nr. 131, Freitag, 7. Juni 2019, Seite 4)

 


Stets gemeinsamer Auftritt: Dr. Scheid und Dr. Wolfram beim Chefärztekongress der Marienhausgruppe 2019 in Waldbreitbach (Bild links) und bei der Vorstellung der Halbzeitbilanz nach einem Jahr "Fit for Future".

Schmerzhafte Entscheidungen

Selbstverständlich hat bislang keiner der im Marienhauskonzern verantwortlichen Manager jemals klar und unverblümt angekündigt, dass er die Schließung der ein oder anderen Klinik konkret beabsichtige oder gar durchführen werde. Stattdessen bedient man sich allgemeiner Formulierungen: "Dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Restrukturierungsprogramm mittragen ... auch wenn an der einen oder anderen Stelle schmerzhafte Entscheidungen gefällt werden müssen, das heben Scheid und Wolfram ausdrücklich hervor." (zitiert aus Marienhaus Echo Ausgabe 1 · Januar 2020)


Die Menschen in Ottweiler und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Marienhausklinik Ottweiler werden gerade gezwungen, eine solch schmerzhafte Entscheidung zu verkraften. In einer Nacht- und Nebelaktion und im Schatten der Corona-Krise wurden mit der Verlegung wichtiger Klinikbereiche nach St. Wendel Fakten geschaffen. Keiner der Konzernmanager hat bisher auch nur ein einziges Wort der Erklärung dazu abgegeben. Alle hüllen sich in Schweigen. Und behaupten weiterhin, ihr Handeln folge dem Leitbild von Marienhaus. 


Bevorzugte Textquellen:


  1. KRACHT, HANS-JOACHIM, Leidenschaft für die Menschen, Margaretha Rosa Flesch - Leben und Wirken, Trier 2005
  2. BÖCKLER, MAURA, Die Macht der Ohnmacht, Mutter Maria Rosa Flesch, Stifterin der Franziskanerinnen BMVA von Waldbreitbach, Mainz 2003
  3. Marienhaus Echo, Die Mitarbeiterzeitung der MARIENHAUS Unternehmensgruppe, verschiedene Ausgaben aus 2019 und 2020
  4. Websites der Marienhaus Unternehmensgruppe und der Marienhaus Stiftung www.marienhaus.de und www.marienhaus-stiftung.de, 2020
  5. Marienhaus in Wikepedia https://de.wikipedia.org/wiki/marienhaus, 2020

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