Wehret den Anfängen!

Diese Aufforderung, gefährlichen Entwicklungen rechtzeitig entgegenzuwirken oder sie zu stoppen, begleitet unsere Bundesrepublik seit ihrer Gründung vor rund 70 Jahren. Wehret den Anfängen *) mahnt uns auch heute wachsam zu sein und rechtzeitig gegen die Feinde der parlamentarischen Demokratie in Deutschland und Europa aktiv zu werden. In Wort und Tat, bevor es zu spät ist.


"Lernen Sie miteinander zu leben"

Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte am 8. Mai 1985 mit eindringlichen Worten die Menschen in Deutschland zu einem MITEINANDER in der Gesellschaft aufgerufen. Die Worte seiner berühmt gewordenen Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges gelten auch heute noch in uneingeschränkter Weise. Nachfolgend ein sehr wichtiges Zitat aus dieser Rede:



Kalligrafie: Professor Werner Eikel · Aachen · Bergmoser + Höller Verlag · Aachen · 1997



Für eine demokratische, offene und faire politische Kultur in Ottweiler


Das Zeitalter sogenannter sozialer Netzwerke hat nicht nur die Art, wie Menschen sich öffentlich äußern, sondern auch den Modus des öffentlichen Diskurses in unserem Land, ja die gesamte politische Kultur grundlegend verändert. Zum Besseren? Danach sieht es nicht aus, wie die »öffentlichen Äußerungen online, unter anderem in den sozialen, oft eher asozialen Netzwerken belegen: proletenhafte Schmähungen, Beleidigungen, Obszönitäten, Vulgaritäten en masse«, wie es kürzlich sehr treffend in einem Kommentar zum Thema zu lesen war. Wer gegen den Mainstream redet oder schreibt, wird gnadenlos gejagt. Online natürlich, mit massenhafter Verbreitung in Sekundenschnelle. Wer dabei einen "Shitstorm" hin bekommt, gilt als Held. Gefällt - gefällt nicht - teilen fertig. Hirn oder Gewissen braucht man dazu nicht.


Auch in Ottweiler muss man sich um die politische Kultur sorgen. Das liegt aber nicht an der politischen Führung der Stadt, sondern am Gebaren einiger Zeitgenossen in der Bürgerschaft, die eher auf Besserwisserei und Dummschwätzen, als auf sachliche Information und Diskussion setzen. Einige dieser Zeitgenossen finden sich regelmäßig im Dauer-Chat einer lokalen Internet-Plattform, wo sie sich nach Herzenslust austoben können, anonym natürlich. Das Ergebnis dieses sogenannten Meinungsaustauschs dort zeigt oftmals, wie ein gesellschaftlicher Diskurs auch auf kommunaler Ebene eben nicht funktionieren kann. Nur wenige unter den Nutzern chatten dort unter ihrem vollen Namen. Der große Rest versteckt sich hinter einem absurden Zahlenkürzel und bleibt anonym. Und einige nutzen diese Anonymität geradezu scham- und gnadenlos aus. Da wird kräftig Dampf abgelassen und es lösen sich geballte Fäuste in den Taschen. Behauptungen, Mutmaßungen, Spekulationen, Sprüche, willkürlich zusammengerafftes Google-Wissen lassen ernst gemeinte und seriöse Beiträge wie aus einer anderen Welt erscheinen. Bisweilen werden aus der anonymen Deckung heraus auch persönliche Angriffe geführt, man braucht dabei ja niemandem in die Augen zu schauen. 

 

Sind das die freien Meinungsäußerungen und die bürgerlichen Freiheiten des 21. Jahrhunderts? Ist das die moderne Weiterentwicklungen unserer politischen Kultur? 

 

Es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Macht Schluss mit der Anonymität und bekennt euch endlich offen zu eurer Meinung. Wenn Internet-Chat, dann bitte mit Namen und vielleicht sogar mit Bild. Technisch heute kein Problem mehr. Aber hört bitte mit der hinterhältigen anonymen Stänkerei auf! Zeigt euer Gesicht, zeigt Zivilcourage - gerade auch in den kommunalen Niederungen unserer Stadt.

 

September 2019 · Hans Werner Büchel

*) „Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind.“ („Principiis obsta. Sero medicina parata, cum mala per longas convaluere moras.") 

So lautet das vollständige Zitat des römischen Dichters Ovid (Publius Ovidius Naso, * 43 v. Chr., † 18 n. Chr.). Daraus wurde die heute bekannte Aufforderung "Wehret den Anfängen!" entliehen, mit der gefährliche Entwicklungen rechtzeitig gestoppt werden sollen. Heute findet sich dieser Satz hauptsächlich im politischen, sozialen und moralischen Bereich.